
„Schwerin hält zusammen.“ Das konnte man zeitweise an allen Litfaßsäulen der Stadt lesen und sieht man noch an einigen Großplakat-Projektoren an den Einfallsstraßen zur Schweriner Innenstadt. Bezug ist die andauernde COVID19-Pandemie. In der schwierigen Zeit der Einschränkungen sollte der Spruch an die Solidarität und den Zusammenhalt der Schweriner Stadtgesellschaft appellieren. Was ist davon nach zwei Jahren Pandemie geblieben?
Mehr als viele glauben, aber die Demonstrationen der letzten Wochen zeigen, dass darüber gesprochen werden muss.
Ein paar Zahlen:
Über 5000 in Schwerin gemeldete Menschen sind seit Beginn der Pandemie infiziert worden, also mehr als 1 von 20. Mindestens eine_r in jedem Dreescher Aufgang, in jedem Reihenhaus-Block, in jeder Schulklasse, in jedem größeren Betrieb, in jeder Verwaltungseinheit, in jeder zweiten Drei-Generationen-Familie.
Über 120 davon sind gestorben, immerhin noch eine_r von 750. Ungefähr eine_r in jeder Straße Schwerins, in jeder größeren Schule, mindestens 5 in jedem der 24 Schweriner Stadtteile.
Noch viel mehr, eigentlich fast alle, sind oder waren von irgendwelchen Einschränkungen und Belastungen betroffen, mehr oder weniger hart. Alte Menschen, die vereinsamen, Familien, die durch Kurzarbeit mit weniger Geld auskommen müssen, Kinder, die keinen „normalen“ Schulbetrieb erleben, Verluste im Einzelhandel, Künstler_innen ohne Publikum und Einkünfte, überlastete und ständig gefährdete Menschen in Pflegeberufen, vor allem in der Intensivpflege, aber auch Menschen, die auf notwendige Behandlungen warten müssen, weil die Intensivstationen, Geräte und vor allem Personal, für schwer erkrankte COVID19-Patienten benötigt werden. Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.
Für Solidarität gibt es jede Menge Gründe. Was ist also zu tun?
Der wichtigste Beitrag zur Solidarität ist das Einhalten der COVID-Regeln: Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Hygiene einhalten, Kontakte reduzieren, Corona-App benutzen. Sich impfen lassen, ist ein Beitrag zur Solidarität. Geimpfte sind zwar nicht 100%ig und nur für begrenzte Zeit geschützt, aber sie infizieren sich seltener und wenn, dann erkranken sie weniger schwer und sind auch für viel kürzere Zeit für andere ansteckend. Impfen entlastet dennoch nicht von Hygieneregeln. Das Schöne daran: man schützt nicht nur andere, sondern zugleich sich selbst.
Und was ist mit 2G(plus) und 3G? Ist es nicht hochgradig diskriminierend, wenn Geimpfte in Läden, in Restaurants, in Theater gehen dürfen und Ungeimpfte nicht einmal zur Arbeit gehen dürfen, wenn sie sich nicht regelmäßig testen lassen? Ist das nicht eine unzulässige Einschränkung von Grundrechten und ein Impfzwang durch die Hintertür? Wird damit nicht die Gesellschaft gespalten und die Freiheit unzulässig eingeschränkt? Wird nicht schon genug gegen Ungeimpfte gehetzt? Sind da nicht die Demonstrationen der Impfgegner berechtigt, muss man nicht gar als Geimpfte_r solidarisch daran teilnehmen?
Fragen, die gar nicht so einfach zu beantworten sind. Um die Zusammenhänge besser zu verstehen, wird auf den untenstehenden Rückblick verwiesen. Wer meint, die Entwicklung des letzten Jahres zu kennen, kann hier direkt weiterlesen:
- Diskriminierung Ungeimpfter
Wer nicht vollständig geimpft bzw. geboostert ist, befindet sich in größerer Gefahr als andere, sich zu infizieren und einen sehr schweren Verlauf zu erleiden. Sie verbreiten das Virus genauso unbemerkt vor dem Auftreten von Symptomen und sind auch bei einem leichten Verlauf viel länger ansteckend als Geimpfte. Es ist daher notwendig und verhältnismäßig, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken, um vor allem sie selbst, aber auch andere Ungeimpfte und Geimpfte zu schützen. Das ist keine Bosheit, weil sie sich der Impfung verweigert haben, sondern eine Schutzmaßnahme. Die einzige Alternative dazu ist nicht das Aussetzen der Schutzmaßnahmen, sondern die Erweiterung der Schutzmaßnahmen auf alle, auch Geimpfte. Dies wird zunächst noch als unverhältnismäßig angesehen. Es ist nicht so, dass Ungeimpfte willkürlich eingeschränkt werden, sondern so, dass Geimpfte (noch) von bestimmten Einschränkungen ausgenommen werden, weil sie in geringerer Gefahr sind bzw. andere weniger gefährden. Schutzmaßnahmen für alle gibt es dennoch, und die „Weihnachtsmaßnahmen“ zeigen ja, dass auch hier eine Ausweitung notwendig werden könnte. - Impfpflicht/Impfzwang
Die Infektionszahlen sind noch immer sehr hoch. Das ist eine Gefahr vor allem für alle Ungeimpften, aber auch für Menschen, die trotz Impfung keinen ausreichenden Impfschutz ausbilden können oder deren Immunsystem durch andere Erkrankungen bereits geschwächt ist. Das Gesundheitssystem ist bereits an der Belastungsgrenze und es droht eine weitere Infektionswelle. In dieser Situation ist Klarheit notwendig: Ohne eine deutliche Erhöhung der Impfquote droht eine Überlastung des Gesundheitssystems und ein Kollaps der Intensivversorgung. Ob mit Gesetz oder ohne, in dieser Situation muss sich jeder fragen, was wichtiger ist: die Freiheit, sich ungeimpft in große Gefahr zu begeben oder die Möglichkeit, sich und die Gemeinschaft vor einer Katastrophe zu bewahren. Die meisten Menschen empfinden die Pflicht auch ohne Gesetz, andere brauchen eine klare Ansage. Niemand soll deshalb physisch zur Impfung gezwungen werden, aber wer die individuelle Freiheit höher schätzt als die Sicherheit der Gemeinschaft, und das ist nichts Abstraktes, sondern das unmittelbare Umfeld, die Familie, die Nachbarn, die Kollegen, der kann und muss auch Konsequenzen spüren. Impfpflicht ist übrigens keine Neuerung: bis in die 1980er Jahre gab es eine weltweite Pflicht zur Impfung gegen Pocken, und es gibt aktuell eine Impfpflicht gegen Masern für bestimmte Berufe. - Solidarität und Spaltung
„Schwerin hält zusammen“, das sollte keine leere Floskel sein. Zusammenhalt bedeutet nicht, jede Dummheit hinzunehmen. Es ist die Aufforderung, das Notwendige zu tun, um die Gemeinschaft in einem guten Zustand zu erhalten. Wer glaubt, das ginge mit uneingeschränkter Freiheit zusammen, gar mit der Freiheit, nicht nur sich selbst dem Schutz der Gemeinschaft zu entziehen, sondern auch andere in Gefahr zu bringen und eine Bewegung zu stützen, die sich auf Desinformation, Verschwörungsideologien und Rechtsextremismus stützt und deren Akteuren Zugang und Legitimation zu verschaffen, der hat etwas gründlich missverstanden. Da ist Spaltung und Destruktion, da ist Solidarität falsch und zerstörerisch.
Deshalb unser Appell vor allem an die Menschen, die sich in gutem Glauben den Demonstrationen angeschlossen haben, damit Solidarität und Grundrechten geholfen zu haben: Denkt darüber nach, nehmt auch Informationen seriöser Quellen zur Kenntnis. Lasst euch nicht ängstigen, aber lasst euch auch nicht dazu verführen, aus Angst die Augen vor realen Gefahren für euch und euer Umfeld zu verschließen. Es ist keine Schande, sich nach besserer Einsicht der klügeren Mehrheit anzuschließen.
Rückblick 2021
Als Anfang 2021 die ersten Impfstoffe zugelassen wurden, gab es sehr schnell Stimmen, die nun forderten, für Geimpfte müssten nun die vielen bis dahin geltenden Einschränkungen aufgehoben werden. Das Gegenargument, das sei eine Impfpflicht durch die Hintertür, hielt nicht lange stand. Die Maßnahmen müssten verhältnismäßig und zielgerichtet sein und dürften nicht länger als unbedingt notwendig alle betreffen. Es wurden sehr schnell Lockerungen vorzugsweise für Geimpfte in die beginnende 3.Welle hinein beschlossen. Der Sommer schien der Lockerungspolitik recht zu geben: die Infektionszahlen sanken trotz der Lockerungen, auch für Ungeimpfte gab es kaum noch Einschränkungen, zudem gab es ja nach einigem Hin und Her genügend Impfstoff für alle. Erst am Ende des Sommers stiegen die Zahlen nun sehr deutlich wieder an. Zugleich stockte die Impfbereitschaft. Eigentlich sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen, die problematische Nebenwirkungen der Impfstoffe auf ein Minimum reduzieren sollten, führten zu Vertrauensverlusten, die von Impfgegnern und Verschwörungsideologen noch verstärkt wurden. Doch die Politik wollte mehrheitlich die Entwicklung abwarten. Im Bundestagswahlkampf mochte niemand die Verantwortung für die harte Reaktion übernehmen, die eigentlich schon im Frühjahr notwendig gewesen wäre. Auch andernorts in Europa mochte man nicht an die Gefährlichkeit der Delta-Variante glauben. Schweden und Großbritannien beschlossen gar Freedom Days, die Aussetzung so gut wie aller COVID-Einschränkungen. In Deutschland machten sich Forderungen danach vor allem die AfD und Teile von Union und Liberalen zu eigen.
Auf dem Höhepunkt der dritten Welle wurden nun die Einschätzungen des Frühjahrs wieder aufgerufen. Ein harter Lockdown für alle sei nicht mehr durchsetzbar, richte zu viel Schaden an, sei nach den Erfahrungen des Sommers unverhältnismäßig. Zunächst wurde mit 3G (Zugang nur für Geimpfte, Genesene und Getestete) in möglichst vielen Bereichen eine Eindämmung versucht. Schnelltests sind aber nicht zuverlässig, zudem wurde die Testpflicht oft recht lax gehandhabt. In den Schulen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen breitete sich das Virus nun immer weiter mit hohen Infektionszahlen aus. Auch wenn Kinder und Jugendliche weniger von schweren Infektionsverläufen betroffen sind, die Kombination: unzureichende Schutzmaßnahmen in den Schulen, zu hoher Anteil Ungeimpfter und laxe Handhabung allgemeiner Schutzmaßnahmen führte zu den hohen Infektions- und Hospitalisierungszahlen, die in immer mehr Bereichen die 2G-Regel notwendig machen. Nachlassender Impfschutz bei Geimpften erfordert zudem eine dritte Impfung, um wenigstens das im Sommer erreichte Schutzniveau zu halten. Zu alledem macht sich eine neue, noch einmal deutlich ansteckendere Virus-Variante, die Omikron Variante, auf den Weg. So wie sich mit dem Auslaufen der zweiten Welle bereits die Delta-Variante ankündigte, kündigt sich nun bereits auf dem Höhepunkt der dritten Welle die nächste Steigerung an.