Schwerin muss sich wehren – MV muss sich wehren

Immer wieder höre ich die gleichen Sätze: „Müssen wir immer springen, wenn die Nazis es wollen? Gibt es nicht Wichtigeres, als sich mit Nazis auf der Straße auseinanderzusetzen? Sollten wir nicht statt dessen den geflüchteten Menschen helfen?“

Ich gestehe, mir geht es manchmal genauso. Es gibt wirklich Dinge, die ich lieber täte, als Demos gegen Nazis zu organisieren. Es kostet Zeit und Nerven, es hält mich von anderen wirklich wichtigen Aufgaben ab, und das macht mich wütend und ist manchmal auch frustrierend und enttäuschend.

Aber es gilt immer noch der Satz: Wer menschenfeindlichen und rassistischen Auffassungen nichts entgegensetzt, begünstigt deren Verbreitung. Die kopflose und schwankende Politik der Bundesregierung und das manchmal unverhohlene Bestätigen der „Das Boot ist voll“-Polemik durch einige konservative Politiker trägt erst recht dazu bei. Dem „wir schaffen das“ der Kanzlerin stehen menschenrechtswidrige Pläne des Innenministers und die Kuschelei des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Orban gegenüber, der es für richtig hält, Geflüchtete mit Waffengewalt zurückzuweisen. Das Ergebnis der Bund-Länder-Verhandlungen vermittelt eine vergiftete Botschaft: Demnach werden Geflüchtete in solche mit und ohne „Bleibeperspektive“ eingeteilt, und zumindest letzteren sollen zweifellos Menschenrechte vorenthalten werden.

In dieser Gesamtlage fühlen sich Neonazis oben auf. Sie finden immer mehr Menschen, deren Angst vor Veränderung in Hass gegen die vermeintliche Ursache der Veränderung umschlägt. Sie gründen immer neue Initiativen unter Namen wie „Deutschland/StadtXY wehrt sich“, „Bürgerwehren“ gegen angebliche Bedrohungen durch Asylsuchende, erfinden und fälschen angebliche „Vorkommnisse“ und schüren damit Aggressionen in sozialen Medien, sie veranstalten Demonstrationen mit angeblich patriotischer Attitüde, auf denen sie offenen Hass verbreiten, und finden dabei wachsenden Zulauf. Das Resultat ist eine bedrohlich wachsende Zahl rassistischer Übergriffe. Anfang des Jahres fürchteten viele die Wiederkehr des rassistischen Pogroms von Lichtenhagen. Heute ist die rassistische Stimmung, die Lichtenhagen verursacht hat, im ganzen Land zu finden.

Deshalb ist es notwendig, sich dem entgegenzustellen. Deshalb dürfen wir rassistische Demonstrationen nicht einfach laufen lassen. Deshalb müssen wir klar machen, dass die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, damit ein bewegendes Zeichen für das Vertrauen in die Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit in Deutschland setzen. Deshalb müssen wir klar machen, dass genau das durch wachsenden Rassismus und nicht durch Flucht und Einwanderung nach Deutschland in Gefahr gerät. Deshalb müssen wir klar machen, dass (noch) die Rassisten in der Minderheit sind und wir bereit sind, das menschliche und mitfühlende Schwerin, MV und Deutschland zu verteidigen. Das tun zum Glück viele ohne viel Gerede durch tätige Hilfe im Hintergrund. Aber das muss eben auch sichtbar, entschieden und mit viel größerer Beteiligung in der Öffentlichkeit, auf der Straße geschehen.

Deshalb helfe ich, Demonstrationen für Menschlichkeit und gegen Rassismus zu organisieren. Deshalb bin ich enttäuscht und besorgt, wenn unsere Demos kleiner sind als die der Neonazis.

Wir müssen uns wehren gegen Hass und Rassismus, ob in Schwerin, Wismar, Stralsund, Güstrow, Greifswald, Demmin oder sonstwo. Bunt, laut, entschieden und gewaltfrei. Wir dürfen den Rassisten die Straße nicht überlassen, wir sind die Mehrheit und können das beweisen! Kein Fußbreit den Rassisten und Menschenhassern!

Am 5.Oktober habt ihr in Schwerin die Gelegenheit, die Schweriner Innenstadt zu einem Ort der Demokratie, der Solidarität mit Geflüchteten, des Respekts vor dem Leid der Flucht und dem Verlust der Heimat so vieler Menschen und der entschiedenen Gegenwehr gegen Rassismus zu machen. Auch wenn es uns fordert, ja auch zeitweise überfordert: wir geben der Menschlichkeit den Vorrang!

Mit eurer Hilfe: Wir schaffen das!

(Andreas Katz)

20150919schwerinfueralle

Ein Gedanke zu „Schwerin muss sich wehren – MV muss sich wehren

  1. Das ist ein notwendiges und umso wichtigeres Zeichen. Es macht mir große Sorgen für jetzt und die Zukunft wenn sich unsere Welt immer feindlicher und aggressiver gegenüber Mitmenschen verhält!!

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